Hönningen an der Ahr Ortsgemeinde · Kreis Ahrweiler

Verkehr im Ahrtal

Die Ortsumgehung Hönningen

Eine Straße, auf die das Dorf jahrzehntelang gewartet hat. Vom Spatenstich mit singenden Kindergartenkindern bis zur Freigabe unter der Ahrbrücke – und zu der Frage, was danach mit dem Ortskern passiert.

Ortsumgehung Hönningen: warum eine Umgehungsstraße ein Dorf verändert

Eine Umgehungsstraße ist auf dem Papier eine nüchterne Sache. Asphalt, Brückenbauwerke, ein paar Kilometer neue Trasse. Für die Menschen, die vorher direkt an der Durchgangsstraße gewohnt haben, ist sie etwas völlig anderes. Sie bedeutet, dass man das Fenster im Sommer wieder aufmachen kann. Dass Kinder allein zum Bäcker laufen dürfen. Dass Gespräche vor der Haustür nicht mehr alle zwanzig Sekunden abbrechen, weil ein Lastwagen vorbeidonnert. Genau darum ging es in Hönningen, und darum war die Freigabe der neuen Straße für den Ort mehr als ein Verkehrsprojekt.

Wie es vorher war

Das Ahrtal ist eng. Wer aus Richtung Altenahr in die Eifel will, hat historisch keine große Auswahl an Wegen gehabt, und der bequemste führte mitten durch die Ortslagen. In Hönningen hieß das: eine Hauptstraße, die zugleich Bundesstraße war, mit Häusern unmittelbar am Fahrbahnrand. Bürgersteige, sofern vorhanden, waren schmal. An manchen Stellen musste man sich an die Hauswand drücken, wenn zwei Lkw sich begegneten. Hinzu kam der Ausflugsverkehr an Wochenenden, dazu Motorräder, die das kurvige Tal als Strecke nutzten. Wer im ersten Stock geschlafen hat, hat den Verkehr nicht gehört, sondern gespürt. Risse im Putz waren keine Seltenheit, und über den Feinstaub hat damals noch kaum jemand gesprochen.

Der Wunsch nach einer Entlastung ist deshalb nicht in ein paar Jahren entstanden. Er wurde über Generationen weitergereicht, von Gemeinderat zu Gemeinderat, von Bürgerversammlung zu Bürgerversammlung. Es gab Anträge, Gutachten, Planungsvarianten, Einwendungen. Wer schon einmal ein Straßenbauprojekt begleitet hat, weiß, wie zäh so etwas läuft. Zwischen der ersten ernsthaften Forderung und dem tatsächlichen Baubeginn liegen bei solchen Vorhaben in Deutschland regelmäßig zwanzig bis dreißig Jahre. Naturschutz, Grunderwerb, Finanzierung im Bundesverkehrswegeplan, Planfeststellung, Klagen – jede Stufe kostet Zeit.

Der Spatenstich und die Bauzeit

Am 12. März 2001 war es dann so weit. Beim Spatenstich standen die Kinder des Kindergartens Wibbelstetz dabei und sangen „Hurra, die Straße wird gebaut“. Dieser Satz ist im Ort hängengeblieben, weil er die Stimmung genau getroffen hat. Es war kein Termin für Behördenvertreter allein, sondern ein Termin, zu dem das Dorf gekommen ist.

Danach folgte die Bauphase, und die war im Ahrtal alles andere als trivial. Eine Trasse durch ein enges Tal zu legen, heißt Böschungen sichern, Bauwerke gründen, ein Gewässer queren und dabei die bestehende Straße halbwegs befahrbar halten. Wer während dieser Zeit gependelt ist, kennt die Baustellenampeln und die Umleitungen. Gemurrt wurde durchaus, das gehört dazu. Es war trotzdem klar, dass sich die Unannehmlichkeiten lohnen würden.

Die Freigabe im Mai 2003

Am Montag, dem 19. Mai 2003, um 15:00 Uhr wurde die Ortsumgehung freigegeben. Der Festakt fand auf der Trasse der neuen Straße unter der Ahrbrücke statt. Freigegeben wurde sie durch den Parlamentarischen Staatssekretär Achim Großmann vom Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen sowie durch Staatsminister Hans-Arthur Bauckhage vom rheinland-pfälzischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau. Alle Bürgerinnen und Bürger aus Hönningen und den umliegenden Orten waren eingeladen, im Anschluss gab es einen Umtrunk auf dem Dorfplatz.

Einen Tag später, am 20. Mai 2003, berichtete die Landesschau im SWR-Fernsehen über die Ortsumgehung Hönningen. Wer den Beitrag verpasst hatte, konnte ihn damals auf dieser Homepage als Videodatei abrufen – 13,5 Megabyte, was mit ISDN rund eine halbe Stunde Ladezeit bedeutete und mit DSL immerhin noch etwa dreieinhalb Minuten. Aus heutiger Sicht wirkt das kurios, damals war es ein Angebot, auf das der Ort stolz war.

Das Dorffest zur Einweihung

Gefeiert wurde am Wochenende darauf. Am Samstag, dem 24. Mai 2003, begann das Dorffest um 18:00 Uhr mit dem Fassanstich, ab 19:00 Uhr spielte das Blasorchester Hönningen, die Funkengarden der Karnevalsgesellschaft tanzten, und die EVM-Bahn drehte Runden durch den Ort. Am Sonntag folgten ein Frühschoppen mit Jagdhornbläsern um 11:00 Uhr, ab 14:00 Uhr Kaffee und Kuchen, Straßenmalerei, Basteln und Spielmobil für die Kinder sowie Vorführungen der Jugendfeuerwehr. Um 15:00 Uhr übernahm das Fanfarencorps Hönningen die musikalische Unterhaltung, um 18:00 Uhr gab es die Verlosung. Veranstaltungsort war der Dorfplatz in der Ortsmitte. Wie so ein Fest organisatorisch zustande kommt, beschreiben wir auf der Seite zum Vereinsleben.

Was sich seither verändert hat

Die spürbarste Wirkung war sofort da: Der Lärm verschwand aus dem Ortskern. Schwerverkehr, der nichts in Hönningen zu suchen hat, fährt vorbei. Damit sank auch die Unfallgefahr an den Stellen, an denen Fußgänger früher zwischen parkenden Autos hindurch auf die Fahrbahn treten mussten. Die Luft im Tal ist besser geworden, wenn auch schwer messbar für Laien. Und der Ortsbürgermeister brachte es damals so auf den Punkt: Wir können jetzt auf- und durchatmen.

Weniger offensichtlich, aber mindestens genauso wichtig, ist die zweite Wirkung. Eine alte Ortsdurchfahrt, von der der Durchgangsverkehr abgezogen wird, ist plötzlich Fläche, über die die Gemeinde verfügen kann. Fahrbahnbreiten, die früher aus Verkehrsgründen nötig waren, braucht niemand mehr. Daraus lassen sich Gehwege, Parkbuchten, Grün und Aufenthaltsflächen machen. Genau hier setzten die Überlegungen aus Dorfmoderation und Dorferneuerung an, die auf der Seite Dorferneuerung und Wiederaufbau beschrieben sind.

Typische Fehler nach einer Ortsumgehung

Es gibt eine Falle, in die viele Gemeinden tappen. Sie feiern die Umgehung und lassen die alte Durchfahrt dann so, wie sie ist. Das Ergebnis kennt man aus vielen Dörfern: eine überdimensionierte Straße ohne Verkehr, auf der einige schneller fahren als vorher, weil sie freie Bahn haben. Ohne baulichen Rückbau bleibt die Trennwirkung im Ort erhalten, und die gewonnene Ruhe wird nicht in Lebensqualität übersetzt. Wer das versäumt, verschenkt den halben Nutzen des Projekts.

Der zweite Fehler betrifft die Wirtschaft. Betriebe, die stark von Laufkundschaft an der Durchgangsstraße gelebt haben, verlieren nach einer Umgehung Umsatz. Das ist kein Gerücht, das passiert regelmäßig. Vorbeugen lässt sich, indem man frühzeitig auf Beschilderung achtet, die auf den Ort und seine Angebote hinweist, und indem man Gastronomie, Handwerk und Direktvermarkter gezielt sichtbar macht. Ein Dorf, das nach der Umgehung nur noch als Ortsschild wahrgenommen wird, hat ein Problem.

Drittens wird gerne unterschätzt, dass eine neue Trasse selbst Pflege braucht. Böschungen wachsen zu, Entwässerungsmulden setzen sich zu, Lärmschutz altert. Und im Ahrtal kommt hinzu, was seit Juli 2021 niemand mehr ausblenden kann: Wasser. Straßen und Brücken in einem Talraum müssen so gedacht werden, dass sie im Ernstfall nicht selbst zum Hindernis werden. Diese Erfahrung hat die Region teuer bezahlt, und sie fließt heute in jede Planung ein.

Hinweis für Ortsfremde: Bitte nutzen Sie die Umgehung auch dann, wenn Ihr Navigationsgerät die alte Strecke durch den Ortskern vorschlägt. Ältere Kartendaten kennen die neue Führung teilweise noch immer nicht korrekt. Im Ort gilt Tempo 30, und an mehreren Stellen ist die Fahrbahn schmaler, als sie aussieht.

Ein Projekt, das nie ganz fertig ist

Verkehr bleibt in Bewegung, im Wortsinn. Nach der Freigabe kamen die Fragen nach Anschlussstellen, nach Radwegverbindungen, nach der Anbindung der Nachbarorte. Wer heute mit dem Rad von Ahrbrück Richtung Dümpelfeld fährt, merkt schnell, dass eine durchgehende, sichere Führung entlang der Ahr nicht überall gegeben ist. Auch hier gilt: Der Talraum ist knapp, und jede zusätzliche Trasse konkurriert mit Gewässer, Landwirtschaft und Naturschutz. Man muss abwägen, und man wird es nie allen recht machen.

Für Hönningen bleibt die Umgehung trotzdem das Projekt, an dem sich vieles festmachen lässt. Sie hat gezeigt, dass Beharrlichkeit sich lohnt, auch wenn zwischen Antrag und Asphalt eine halbe Generation liegt. Sie hat dem Ort Ruhe zurückgegeben, die sich mit keinem Fördertopf kaufen lässt. Und sie hat Flächen frei gemacht, mit denen das Dorf bis heute arbeitet. Wer sehen will, wie das Tal jenseits der Straße aussieht, findet Wandervorschläge unter Ahrtal und Wandern.