Hönningen an der Ahr Ortsgemeinde · Kreis Ahrweiler

Planen und bauen

Dorferneuerung und Wiederaufbau

Aus der Dorfmoderation wurden Konzepte, aus den Konzepten Baustellen. Und dann kam die Flut und hat vieles zurückgesetzt. Wie ein kleines Dorf im Ahrtal beides zusammenbringt, steht auf dieser Seite.

Dorferneuerung in Hönningen an der Ahr: Ideen, Fördermittel und der lange Weg nach der Flut

Dorferneuerung klingt nach Verwaltungssprache, meint aber etwas sehr Konkretes. Es geht darum, dass ein Ort nicht dem Zufall überlassen wird. Wo entstehen Wohnhäuser, wo bleibt Freifläche, wie sieht der Platz in der Mitte aus, welche leerstehenden Gebäude bekommen eine neue Nutzung? Wenn niemand solche Fragen stellt, entscheiden sie sich trotzdem – nur eben ungeplant, meist zum Nachteil aller. In Hönningen wurden diese Fragen ernsthaft gestellt, und das begann lange vor der Flut.

Was Dorfmoderation eigentlich ist

Am Anfang steht ein Verfahren, das Dorfmoderation heißt. Eine externe Moderation kommt in den Ort, hört zu, sammelt und ordnet. Es gibt Ortsbegehungen, Werkstätten, Fragebogen und viele Abende in der Mehrzweckhalle. Beteiligt sind nicht nur Gemeinderat und Verwaltung, sondern Vereine, Landwirte, Gewerbetreibende, Jugendliche, Ältere. Der Sinn liegt darin, dass Ideen aus dem Ort selbst kommen und nicht aus einem Büro hundert Kilometer entfernt.

Am Ende entsteht ein Konzept mit Zielen und Maßnahmen, oft mit Prioritäten und einer groben Kostenschätzung. Dieses Papier ist mehr als Papier: Es ist die Grundlage, mit der eine Gemeinde in Rheinland-Pfalz Fördermittel beantragen kann. Ohne ein anerkanntes Konzept sind viele Töpfe schlicht verschlossen. Genau deshalb ist es keine vergeudete Zeit, wenn ein Dorf ein Jahr lang diskutiert, bevor der erste Bagger anrückt.

In Hönningen bekam dieser Prozess durch die Ortsumgehung zusätzlichen Schwung. Als der Durchgangsverkehr aus dem Ort verschwand, wurde plötzlich sichtbar, wie viel Fläche die alte Durchfahrt gebunden hatte. Der Ortsbürgermeister hat es damals so formuliert, dass die Eröffnung ein Zeichen für eine positive Weiterentwicklung sei und man in den nächsten Jahren Akzente setzen werde, wenn es darum gehe, die Ideen aus Dorfmoderation und Dorferneuerung umzusetzen. Das war kein Festtagssatz, das war ein Arbeitsauftrag.

Typische Maßnahmen und was sie bringen

Dorferneuerung hat selten spektakuläre Projekte. Sie besteht aus vielen mittelgroßen Schritten, die zusammen wirken. Der Dorfplatz wird umgestaltet, damit Feste dort stattfinden können und nicht auf einem Parkplatz. Gehwege werden verbreitert und Bordsteine abgesenkt, weil Menschen mit Rollator und Eltern mit Kinderwagen sonst auf der Fahrbahn laufen. Straßenbeleuchtung wird erneuert, was Energie spart und nebenbei die Nachtlandschaft schont. Ortsbildprägende Gebäude werden saniert statt abgerissen. Leerstände werden erfasst, bevor sie zu Ruinen werden.

Ein Punkt wird häufig unterschätzt: die Gestaltung privater Grundstücke. Ein schöner öffentlicher Platz nützt wenig, wenn drumherum Blechzäune und Schottervorgärten stehen. Deshalb gibt es Förderprogramme, die auch Privatleuten Zuschüsse für ortstypische Sanierungen geben, etwa für Fenster, Fassaden oder Hofmauern. Wer ein altes Haus im Ortskern besitzt, sollte sich das anschauen, bevor er saniert. Nachträglich wird nichts bezuschusst, das ist die häufigste und ärgerlichste Falle überhaupt.

Der 14. und 15. Juli 2021

Dann kam die Nacht, die alles verschoben hat. Der Starkregen über der Eifel ließ die Ahr und ihre Zuflüsse in einem Ausmaß anschwellen, das niemand vorher für möglich gehalten hatte. Im gesamten Tal wurden Häuser zerstört, Brücken weggerissen, Straßen unterspült, Menschen starben. Auch Hönningen wurde getroffen. Wasser stand dort, wo Gärten, Keller und Straßen waren, Leitungen wurden zerstört, Uferbereiche komplett umgeformt.

Was danach passierte, hat die Region geprägt. Nachbarn räumten gemeinsam Keller aus, Feuerwehren arbeiteten über Tage durch, Helfer kamen von überall her. Der erste Abschnitt war reine Notversorgung: Wasser, Strom, Wärme, Wege. Der zweite Abschnitt war Bestandsaufnahme. Welche Gebäude sind statisch noch tragfähig, welche Leitungen sind hin, wo ist der Untergrund ausgespült? Diese Prüfungen dauern, und sie sind die Voraussetzung dafür, dass später überhaupt gebaut werden darf.

Wiederaufbau ist kein Sprint

Von außen wird oft gefragt, warum es so lange dauert. Die ehrliche Antwort ist unbequem: weil jede einzelne Maßnahme eine Kette von Schritten braucht. Erst Schadensdokumentation, dann Gutachten, dann Antrag auf Mittel aus dem Wiederaufbaufonds, dann Bewilligung, dann Planung, dann Ausschreibung, dann Vergabe, dann Bau. Dazwischen liegen Fristen, Nachforderungen und Wartezeiten. Kommt hinzu, dass Baufirmen, Planungsbüros und Handwerker im gesamten Tal gleichzeitig gebraucht werden. Kapazitäten sind endlich, auch wenn Geld da ist.

Erschwerend wirkt, dass man nicht einfach identisch wieder aufbauen sollte. Eine Brücke, die zu niedrig war und sich mit Treibgut zugesetzt hat, darf nicht in derselben Form zurückkommen. Ein Kanal, der bei Starkregen überlastet war, braucht andere Querschnitte. Uferbereiche müssen breiter werden, damit der Fluss Platz hat. Genau das kostet zusätzliche Planungszeit, spart aber beim nächsten Ereignis Leben und Geld. Diese Abwägung ist manchmal schwer auszuhalten, wenn man selbst im Provisorium wohnt.

Hochwasservorsorge, die jeder betreiben kann

Es gibt Vorsorge, für die man weder Gemeinderatsbeschluss noch Förderbescheid braucht. Ein Warnsystem auf dem Handy einrichten und die Benachrichtigungen wirklich zulassen, nicht nur installieren. Wichtige Dokumente digital und außerhalb des Hauses sichern. Heizung, Elektroverteilung und Steuerungstechnik nicht in den Keller bauen, wenn es eine Alternative gibt. Öltanks fachgerecht gegen Aufschwimmen sichern, denn austretendes Heizöl macht aus einem nassen Haus ein unbewohnbares. Und im Zweifel früher hochgehen als zu spät, statt Möbel zu retten.

Für Eigentümer lohnt außerdem der Blick in die Versicherungspolice. Elementarschäden sind in vielen Standardverträgen nicht enthalten, und wer das erst nach dem Ereignis merkt, steht schlecht da. Nach 2021 hat sich hier einiges bewegt, aber nicht automatisch für jeden Vertrag. Nachfragen kostet ein Telefonat.

Praktischer Hinweis: Wer eine Sanierung oder einen Umbau im Ortskern plant, sollte vor dem ersten Angebot mit der Verbandsgemeindeverwaltung sprechen. Es geht dabei nicht nur um die Baugenehmigung, sondern um mögliche Zuschüsse, um Vorgaben aus der Dorferneuerung und um Auflagen in hochwassergefährdeten Bereichen. Ein Gespräch vorher spart oft einen kompletten Planungsdurchgang.

Was aus Fehlern anderer Orte gelernt wurde

Der häufigste Fehler nach Katastrophen ist Eile. Es wird schnell wieder aufgebaut, weil alle Normalität wollen, und dabei werden dieselben Schwachstellen reproduziert. Der zweite Fehler ist mangelnde Dokumentation. Wer Schäden nicht fotografiert, misst und schriftlich festhält, bekommt Monate später Probleme mit Versicherung und Förderstelle. Der dritte Fehler liegt in der Kommunikation. Wenn Bürger nicht wissen, was wann geplant ist, entsteht Misstrauen, und Misstrauen bremst Projekte stärker als jede Behörde.

Der vierte Punkt ist der schwierigste und wird selten offen ausgesprochen: Manche Flächen sollte man nicht wieder bebauen. Ein Fluss holt sich seinen Raum, früher oder später. Diese Entscheidung trifft niemand gern, schon gar nicht bei einem Grundstück, das seit Generationen in der Familie ist. Aber sie gehört zu einer ehrlichen Wiederaufbauplanung dazu, und sie fällt leichter, wenn es faire Angebote für Tausch oder Ausgleich gibt.

Wie es weitergeht

Hönningen wird weiter Baustelle sein, und zwar für Jahre. Das ist unbequem, aber es ist auch die Gelegenheit, Dinge besser zu machen als vorher. Ein Ort, in dem gleichzeitig Kanäle, Straßen, Ufer und Plätze angefasst werden, kann Verkehrsführung, Barrierefreiheit, Regenwasserbewirtschaftung und Aufenthaltsqualität in einem Zug mitdenken. Diese Chance haben Gemeinden sonst nur alle paar Jahrzehnte.

Wichtig bleibt, dass die Menschen dabeibleiben. Wiederaufbau ist nicht nur Beton, sondern auch die Frage, ob junge Familien hier bleiben und ob die Vereine weiterhin genug Aktive finden. Ein technisch perfekt saniertes Dorf ohne Leben wäre die traurigste aller Lösungen. Deshalb gehört zur Dorferneuerung auch das, was sich schlecht in Förderrichtlinien fassen lässt: Nachbarschaft, Feste, Zusammenhalt und das Gefühl, dass es sich lohnt zu bleiben. Wer sehen will, wie die Landschaft ringsum aussieht, findet Vorschläge unter Ahrtal und Wandern.